Director’s Statement

DER TAG DES SPATZEN/ DAY OF THE SPARROW
Director’s Statement

Seit meinem achten Lebensjahr beobachte ich Vögel mit dem Fernglas. Ein Hobby, das zwischenzeitlich zur Obsession wurde – als Jugendlicher verbrachte ich meine Ferien mit freiwilliger Arbeit in den Vogelschutzgebieten Wallnau auf Fehmarn und Behrensdorf in der Hohwachter Bucht. Ein Ort, an dem meine Familie über Jahre hinweg Ferien machte und mein Vater mit seiner Super-8-Kamera das Meer und die Familie filmte. Der Ort selbst, aber vor allem seine Tonspur – bestehend aus Meeresrauschen, Vogelgezwitscher und den tiefen Detonationen der Flugabwehrraketen – hat sich in meiner Erinnerung festgesetzt. Nicht als Bedrohung, sondern eher als Teil eines verheißungsvollen „Feriensoundtracks“. Nur meine Mutter, die selbst Fliegerangriffe im Zweiten Weltkrieg miterlebt hat, zog sich an solchen Tagen immer ins Ferienhaus zurück.

Durch meine Arbeit im Vogelschutzgebiet kam ich in Kontakt mit den dort arbeitenden Kriegsdienstverweigerern, die meine Haltung zu Militär und Bundeswehr entscheidend geprägt haben. Für mich stand außer Zweifel, dass ich den Kriegsdienst verweigern würde. Letztlich habe ich Glück gehabt und wurde ausgemustert.

In den folgenden Jahren habe ich das Fernglas mehr und mehr gegen Mikrofon und Kamera eingetauscht. Dennoch bin ich häufig – auch für Dreharbeiten – an die Ostsee zurückgekehrt.

Die Arbeit als Dokumentarfilmer und das Beobachten von Vögeln haben einige Gemeinsamkeiten. In beiden Fällen gibt es die Doktrin, dass je weniger von einem selbst zu sehen oder zu hören wäre, desto besser sei das Ergebnis. Der Körper verkrampft sich in merkwürdigen Positionen, die Atmung verlangsamt sich. Kleinste Bewegungen, die wiederum Geräusche und Störungen erzeugen, werden vermieden. Der Beobachter versucht im Prozess des Beobachtens unsichtbar zu werden bzw. seine Anwesenheit zu verschleiern. Er ist nicht beteiligt. Er ist eigentlich gar nicht da. Für mich stellt sich die Frage, wie lange ein solcher Zustand aufrechterhalten werden kann und was passiert, wenn der pseudo-neutrale Beobachter plötzlich selber Teil der Aufnahme wird.

Im Sommer 2007 wird ein Freund von mir unter dem Vorwurf „Terrorist“ zu sein verhaftet. Jemand, den man gut kennt und dessen Haltung man respektiert. Der Blick auf die Umgebung verändert sich. Im Telefon knackt es manchmal seltsam, und das Paar am Nachbartisch war vor ein paar Tagen auch schon einmal im gleichen Restaurant wie man selbst.

„Der Tag des Spatzen“ ist für mich eine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, in der ich lebe. Vom Krieg ist wenig zu spüren – er ist weder sichtbar noch eindeutig zu verorten. Der Film versucht herauszufinden, wie und an welchen Punkten sich Brüche in der scheinbar friedlichen Oberfläche auftun. Momente, an denen Krieg sichtbar wird – an denen die Schnittstellen zwischen zivilem Leben und militärischem Einsatz verschwimmen. Diese Punkte lassen sich für mich nicht durch eine „realistische“, klassisch dokumentarische Arbeitsweise benennen. Es gilt, eine filmische Sprache zu entwickeln, die den Fokus auf Unebenheiten lenkt, die gewohnte Hierarchien der Aufmerksamkeit unterläuft, die den kleinen Verschiebungen im scheinbar homogenen Bild nachspürt.

Mit „Der Tag des Spatzen“ geht es mir darum, einen filmischen Raum zwischen Bild und Ton, zwischen Analyse und Imagination zu schaffen, der die scheinbare Selbstverständlichkeit des gegenwärtigen Krieges hinterfragt.

Philip Scheffner, 10.01.2010