Katalogtext Forum

Von Vogelforschern und anderen Beiläufigkeiten
Forumkatalogtext von Nicole Wolf

Der Tag des Spatzen könnte jeder Tag sein. Spatzen sind uns im Grunde sehr nahe. Sie halten sich hauptsächlich an Orten auf, an denen Menschen leben. Und doch erregt nicht jeder Spatz gleichermaßen empörte oder drohende Reaktionen wie der Dominospatz, der am 14. November 2005 in Leeuwarden der Spiellust und einem Fernsehspektakel zum Opfer fiel und folglich zur Staatsangelegenheit wurde.
Der Tag des Spatzen beginnt mit Körpereinsatz. Das betrifft zunächst den Spatzen, der gegen eine Scheibe prallt, die er als solche nicht erkennt, dann die Spatzen, die sich unbeschwert ihrer täglichen Federwäsche im seichten Wasser widmen.
Der Tag des Spatzen ist also ein Tierfilm und folgt genregetreu Vögeln in ihre Lebensräume und gibt Einblick in ihr Territorialverhalten. Er führt uns zu Flusswindungen an der Mosel, zu kleinen Ortschaften und Wäldern hinter hügeligen Feldern in der Eifel, zu blumigen Wiesen, ruhigen Seen in Wäldern, zu langen Sandstränden und offenem Meer an der Ostsee sowie in Städte wie Bonn, Berlin oder Leeuwarden. Oft blicken wir lange ins vielschichtige Weite, teils auch gen Himmel - doch bevor die Leinwand zum abstrakt idyllischen Landschaftsgemälde werden kann, zieht ein Detail unsere Aufmerksamkeit auf sich oder der Schnitt bringt uns zum nächsten Close-up, um jetzt einen Vogelschwarm ganz genau zu zeigen oder das Landen eines Tornado-Fliegers. Der Beobachter muss oft geduldig auf der Lauer liegen und gemäß der ornithologischen Lehre auf nahe Geräusche ebenso achten wie auf ferne; vielleicht nicht ganz unähnlich dem Soldaten, der dem Feind auflauert – aber das war zu einer anderen Zeit.
Nach und nach entwickelt sich ein Daneben, ein Dahinter, Davor oder Dazwischen. Orte, die nicht betreten werden dürfen, Filme, die nie gemacht wurden, Gespräche am Rande, Fragen und Antworten, zu Krieg, Sicherheiten, Militarisierung, Frieden, Beteiligung, Schweigen und Handeln, Afghanistan. Bild und Tonspur arbeiten mit- und gegeneinander; Konzentration, Reibung, die Wahrnehmungssinne werden irritiert, stetig, durch Akkumulation. Ohne spektakuläre Bilder oder dramatische Höhepunkte erreicht die Kontinuität der unscheinbar wirkenden, aber genau gesetzten und unaufhörlich beobachtenden Kamerablicke und der sensible Aufbau eines fragmentarischen und doch pointierten Netzes an Gedanken und Perspektiven eine Intensität und Anspannung, die uns wie beim Aufbau eines Kartenhauses den Atem anhalten lässt. Es entsteht der filmische Überschuss, das wunderbare Mehr, das wir im allerbesten Fall im Kino erleben können; es lässt sich vielleicht umschreiben als ein Von-den-Rändern-Denken und -Sehen, ein kinematografisches Experiment im Zeigen dessen, was nicht wirklich bezeichnet werden kann.
Aus der Gleichzeitigkeit des Todes eines Spatzen und eines deutschen Soldaten im Krieg in Afghanistan und wie zufällig erscheinenden Überschneidungen entsteht ein durchdachter Balanceakt, der unerwartete Parallelen nicht in Deutungen einschließt, sondern unaufdringlich und dennoch fundamental unsere Wahrnehmung in Frage stellt. Dabei wird weder durch die Möglichkeiten, die im teils stillen Bild der Totalen eröffnet werden, noch durch das Nahdransein Konkretes festgelegt. Das Insistieren auf Stillhalten, Beobachten, Immer-wieder-Hören und das Angebot, unsere gewohnte Wahrnehmung entgleisen zu lassen, führt zu einer filmischen Öffnung, die Perspektivenwechsel möglich macht. Die Beziehung zwischen Beobachter und Beobachteten verschwimmt auch, weil uns trotz des Blicks aus der Distanz ein reines Außen- und Unbeteiligtsein genommen wird. Wenn somit die Kamera ist auf zwei Bundeswehrsoldaten gerichtet ist, die langsam ihr Areal hinter Zäunen abschreiten und beobachtend abwägen, ob es sich hier um ernst zu nehmende Eindringlinge handelt; enthält diese Situation weit mehr, als Blick und Gegenblick beschreiben könnten.
Wenn die Krise des Dokumentarfilms einerseits beinhaltet, dass keine neuen Bilder mehr gemacht und keine wirklich neuen Geschichten mehr erzählt werden können und uns im Zeitalter der permanenten Medienkonfrontation mit Konfliktzonen die Empathie durch die fehlende Beziehung zum Gegenstand verlorengegangen ist, dann ist Der Tag des Spatzen ein ruhig insistierendes Beispiel dafür, dass gerade der Dokumentarfilm, jedenfalls ein besonderer Dokumentarfilm über die Beschreibung der Welt, wie wir sie heute sehen, hinauswachsen kann. Wenn nach dem Film vertraute Landschaften eine körperlich erlebbare Verfremdung erfahren haben und unser Eingebettetsein in gelebte Bild- und Tonzusammenhänge irritiert ist, liegt hierin das faszinierende Potenzial der Politik der Ästhetik, das politisches Denken und Handeln erst möglich macht.
Die besondere Art und Weise, in der in diesem Film Persönliches nicht als Einstieg, Legitimation oder Identifikationsort genutzt wird, aber dennoch durch Fragestellungen, politische Strategien und konkret erfahrbare Positionierung der Bild- und Tonaufnahme in das von Merle Kröger und Philip Scheffner sorgfältig arrangierte Drehbuch einfließt, ermöglicht auch der Zuschauerin einen Perspektivenwechsel, im und durch den Film. Vielleicht fühlt sie sich für einen Moment wie der Graureiher, der sich zwischen parkenden Autos langsam über die Straße bewegt, selbstsicher in der Stille der nächtlichen Stadt, aber ohne auch nur für eine Sekunde seine Wachsamkeit aufzugeben gegenüber der fundamentalen Fragilität seiner Umgebung.
Am Ende sind wir konfrontiert mit aktuellen Fragen des Handelns, mit der Frage, wie das Handeln mit dem Sehen verknüpft ist oder das Sehen mit dem Erkennen oder Erkennen mit Nähe oder Nähe mit Beteiligtsein - oder wie wir uns ins Verhältnis zu dem setzen, was vermeintlich nur von fern unseren Frieden stört?

Nicole Wolf, Berlin, Januar 2010